Schlußfolgerungen des Rates vom 22. September 1997 zum Thema "Bildung, Informations- und Kommunikationstechnologie und die Lehrerausbildung der Zukunft" Amtsblatt Nr. C 303 vom 04/10/1997 S. 0005 - 0007 SCHLUSSFOLGERUNGEN DES RATES vom 22. September 1997 zum Thema "Bildung, Informations- und Kommunikationstechnologie und die Lehrerausbildung der Zukunft" (97/C 303/03) DER RAT DER EUROPÄISCHEN UNION - in Erwägung nachstehender Gründe: In der Entschließung des Rates vom 6. Mai 1996 über multimediale Lernprogramme in den Bereichen allgemeine und berufliche Bildung wird dem Gebiet Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) und Lehrerausbildung große Aufmerksamkeit gewidmet; insbesondere wird darin unterstrichen, daß die Anwendung neuer pädagogischer und arbeitstechnischer Methoden sowie eine Lehrerausbildung, bei der die Vorzüge des Einsatzes der IKT vermittelt werden, und eine aktive Beteiligung von Lehrern an der Ausarbeitung von Lernprogrammen von großer Bedeutung sind.
In dem Bericht der Taskforce der Kommission "Multimediale Lernprogramme" (Arbeitsdokument der Kommissionsdienststellen vom Juli 1996) heißt es, daß mangelnde Ausbildung der Lehrer im Bereich der IKT ein beträchtliches Hindernis für die Verbreitung der Verwendung von Lernprogrammen in Lehranstalten darstellt. In dem Aktionsplan der Kommission "Lernen in der Informationsgesellschaft" sind im Rahmen der die Lehrerausbildung betreffenden Aktionslinie zwei Tätigkeiten vorgesehen: die Verwendung von Gemeinschaftsprogrammen für Projekte im Bereich der Lehrerausbildung sowie die Einrichtung eines Netzes für die Lehrerausbildung.
Nach Analysen, die sich mit den Auswirkungen der IKT auf die gesellschaftliche Entwicklung befassen, ist die IKT als ein Faktor zu betrachten, der grundlegende Änderungen in der heutigen Gesellschaft bewirken kann. Diese Tendenz kann als die Entwicklung zur "Informationsgesellschaft" bzw. - im weiteren Sinne - zur "Wissensgesellschaft" bezeichnet werden. Die Bildungssysteme in den Gesellschaften der Europäischen Union durchlaufen einen Veränderungsprozeß, wobei sie auf das Entstehen der Informationsgesellschaft reagieren und sie nutzen. Daher dürfen zwei Fragen auf der Ebene der Mitgliedstaaten wie auch auf europäischer Ebene als wichtig gelten: - Welche Rolle kann das Bildungswesen bei der künftigen Entwicklung der Informationsgesellschaft oder der Wissensgesellschaft spielen, und wie kann es alle Bürger auf diese Gesellschaft vorbereiten? - Wie kann die IKT zu einer qualitativ hochstehenden Bildung beitragen? Das Bildungswesen wird auch weiterhin seine pädagogischen Ziele verfolgen und seine Funktion bei der sozialen, kulturellen und pesönlichen Entwicklung des einzelnen erfuellen, und dabei kann die IKT anerkanntermaßen eine wichtige unterstützende Rolle spielen.
Es wird weithin anerkannt, daß bei der Anpassung des Bildungswesens an neue gesellschaftliche Anforderungen der Lehrer/Ausbilder die wichtigste Rolle spielt. Das gilt auch für die Möglichkeiten, die die IKT für die Verbesserung des Unterrichts bietet. Es ist davon auszugehen, daß dem Lehrer im Klassenzimmer auch weiterhin eine zentrale Rolle für die Qualität der vermittelten Bildung zukommen wird. Die Lehrerausbildung sollte nicht ausschließlich auf die Beherrschung neuer Technologien abstellen, sondern auch Wissen über den Einfluß dieser Technologien auf den Lernprozeß des Kindes vermitteln.
Für die weitere Entwicklung hoher Bildungsstandards wird die Verfügbarkeit von (in technischer und pädagogischer Hinsicht) hochwertigen multimedialen Lernprogrammen und entsprechenden Diensten sowie von traditionellen Lernmitteln, wie z. B. Büchern, von großer Bedeutung sein. Aufgrund der Ungewißheit über das genaue Erscheinungsbild der Informations- bzw. Wissensgesellschaft ist es schwierig, allgemeine Formeln für das Lernumfeld der Zukunft und für die künftige Ausbildung der Lehrer/Ausbilder aufzustellen. Weithin wird jedoch die Auffassung vertreten, daß der Lernprozeß mehr lern- und weniger lehrorientiert sein (und damit Möglichkeiten für eine Differenzierung und Individualisierung bieten) wird, daß die Rolle des Lehrers/Ausbilders und das Wesen des Lehrer-/Ausbilderberufs in Zukunft einschneidende Veränderungen erfahren werden und daß sich die Lehrer/Ausbilder auf bedeutende neue Bedürfnisse einstellen müssen.
Es ist anerkennenswert, welche Anstrengungen die Mitgliedstaaten bereits unternommen haben und weiterhin unternehmen, um die Aus- und Fortbildung der Lehrer/Ausbilder im Bereich der IKT sicherzustellen und dafür zu sorgen, daß die Lehranstalten für die Vorbereitung der Schüler/Studenten auf die Informationsgesellschaft gerüstet sind. Die Kommission arbeitet unter anderem mit den europäischen Vereinigungen im Bereich der Lehrerausbildung zusammen und wird diese Zusammenarbeit fortführen. Es ist sehr wichtig, daß die Mitgliedstaaten und die Europäische Union insgesamt der Ausbildung und der Qualifizierung der Lehrer/Ausbilder im Bereich der IKT weiterhin beträchtliche Aufmerksamkeit und besondere Anstrengungen widmen und daß diese Ausbildung und Qualifizierung die Lehrer/Ausbilder in die Lage versetzt, in folgenden Bereichen erfolgreiche Arbeit zu leisten: - Vorbereitung der Schüler/Studenten auf die entstehende Informationsgesellschaft oder Wissensgesellschaft; - Nutzung der IKT - sofern angezeigt - als Instrument zur Verbesserung der Bildungsstandards und der Vermittlung von Bildungsinhalten.
Das betrifft nicht nur die Erstausbildung von Lehrern/Ausbildern, sondern auch den sehr wichtigen Aspekt der Fort- und Weiterbildung von Lehrern/Ausbildern, die bereits im Bildungswesen tätig sind. In diesem Zusammenhang ist festzustellen, daß ein neuer Ansatz für die pädagogische Praxis nicht von den Lehrerausbildungseinrichtungen allein ermittelt werden kann und daß die tiefgreifende Modernisierung des Bildungswesens von dem in die gesellschaftlichen Entwicklungen eingebetteten Bildungssystem insgesamt ausgehen wird. Die Entwicklung einer angemessenen neuen pädagogischen Praxis sollte alle am Bildungsprozeß maßgeblich Beteiligten (Lehrer, Schüler, Lernende, Lehrerausbilder, Lehranstalten, Entscheidungsträger, Forscher, örtliche Gemeinwesen, Eltern, Hersteller von multimedialen Lernprogrammen und Produkten) einbeziehen.
Wichtig ist, daß die Regierungen einen Rahmen für die Modernisierung und den Wandel bereitstellen, und wichtig ist auch, daß die Maßnahmen zur Unterstützung der Lehrer auf dem Weg in die Informationsgesellschaft den wichtigen Aspekten der Kontinuität Rechnung tragen und zugleich darauf vorbereiten, daß immer mehr Nachdruck auf individualisierte Lernprozesse gelegt wird, ohne dabei die persönliche und soziale Entwicklung der Schüler zu vernachlässigen. Die Ungewißheit darüber, wie das Lernumfeld der Zukunft genau aussehen wird, macht die Bedeutung einer Strategie deutlich, die für künftige Entwicklungen offen bleibt, beispielsweise durch die Förderung von (zukunftsweisenden) Projekten über "neue Praktiken".
Untersuchungen zeigen, daß es in den Mitgliedstaaten in pädagogischer Hinsicht Unterschiede zwischen den Geschlechtern in verschiedenster Ausprägung gibt. Erhebliche geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Wahl der Fächer Mathematik und Naturwissenschaften durch die Schüler sowie im Bereich der IKT können sowohl den Übergang zu weiterführender Bildung und Ausbildung als auch die Berufschancen beeinträchtigen. Im Hinblick auf größere Chancengleichheit sollten daher bei allen Maßnahmen erforderlichenfalls beide Geschlechter angemessen berücksichtigt werden. Das Verhältnis zwischen der IKT und dem Bildungswesen ist auch eine Frage von europäischer Dimension.
Alle Mitgliedstaaten stehen in diesem Bereich vor ähnlichen Fragen. Der Austausch von Informationen und das Lernen aus - positiven oder auch negativen - Erfahrungen im Bereich der IKT und des Bildungswesens kann hierbei von großem Vorteil sein. Der Aspekt des Marktes für multimediale Lernprogramme und entsprechende Dienste im Bildungsbereich hat eine europäische Dimension. Es bestehen Möglichkeiten für die Förderung der Entwicklung europäischer multimedialer Lernprogramme, in denen die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas in angemessener Weise zum Ausdruck gebracht werden sollte.
Wichtig ist, daß die Lehrer/Ausbilder und die Lehranstalten, die gegebenenfalls in Partnerschaft mit dem kommerziellen Sektor handeln, eine angemessene Rolle bei der Entwicklung multimedialer Lernprogramme spielen können. Hierbei sind gemeinsame Anstrengungen der Mitgliedstaaten und der Kommission zur Vernetzung von Schulen auf europäischer Ebene von Bedeutung, unter anderem um einen Beitrag zur Umsetzung des Aktionsplans "Lernen in der Informationsgesellschaft" zu leisten. In bezug auf die IKT und das Bildungswesen besteht über folgende Annahmen weithin Einvernehmen: - Die Entwicklung der IKT löst einschneidende Veränderungen der Gesellschaft aus, auch wenn dieser Veränderungsprozeß vielleicht schrittweise erfolgt. - Der Alltag von Familien, in den betreffenden Berufssparten Tätigen sowie Schülern und Studenten wird in zunehmendem Maß von der IKT beeinflußt. - Im Bildungswesen wird die IKT als zusätzliches Instrument zur Verbesserung der Bildungsstandards und zur Vorbereitung der Schüler und Studenten auf die Informationsgesellschaft eingesetzt.
Die IKT ist jedoch ein Mittel und kein Selbstzweck. - In diesem Zusammenhang sind beträchtliche und nachhaltige Bemühungen im Bereich der Ausbildung von Lehrern/Ausbildern erforderlich, und zwar sowohl bei der Erstausbildung und Fortbildung wie auch bei der Ausbildung der Führungskräfte der Bildungseinrichtungen - ERSUCHT DIE MITGLIEDSTAATEN, im Rahmen und innerhalb der Grenzen ihrer jeweiligen Politik-, Rechts-, Haushalts-, Bildungs- und Ausbildungssysteme - die Entwicklung ihrer Strategien und ihre Tätigkeit im Bereich von IKT und Bildungswesen, inbesondere bei der Ausbildung (Erstausbildung und Fortbildung) der Lehrer und Ausbilder, um eine europäische Dimension zu bereichern; - Anreize für den Zugang zu hochwertigen multimedialen Lernprogrammen und entsprechenden Diensten zu schaffen und ihn zu fördern.
In dieser Hinsicht müssen erhebliche Anstrengungen unternommen werden, um zu ermitteln, wie die Lehranstalten wie auch die Schüler vor unerwünschtem Material geschützt werden können, das über Internet zur Verfügung gestellt wird; - die Beteiligung von Lehrerausbildungseinrichtungen - oder anderer maßgeblicher Institute oder Gremien im Bereich von Bildung und IKT - an Netzen auf europäischer Ebene zu fördern, damit diese zusammenarbeiten, Informationen austauschen und im bisherigen und innovativen Einsatz der IKT im Bildungswesen voneinander lernen; - gegebenenfalls Partnerschaften zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor im Bereich von IKT und Bildungswesen zu fördern, insbesondere bei der Entwicklung multimedialer Lernprogramme und entsprechender Dienste;
ERSUCHT DIE KOMMISION, unter Nutzung vorhandener Gemeinschaftsprogramme in den Bereichen Bildung und Ausbildung und anderer einschlägiger Gemeinschaftsprogramme und -initiativen und ausgehend von den bisherigen Erfahrungen mit den im Rahmen dieser Programme geförderten Projekten und Netzen - den Aufbau einer europaweiten Netzinfrastruktur für Lehrerausbildungseinrichtungen - Erstaubildung und Fortbildung - in den Mitgliedstaaten zu fördern, die dem Einsatz der IKT im Bildungswesen besondere Aufmerksamkeit widmen. Diese Netzinfrastruktur sollte den Rahmen für Zusammenarbeit, einen strukturierten Informationsaustausch und für das Lernen aus Erfahrungen bilden.
Sie könnte auch für die Einleitung von Pilotprojekten im Bereich IKT und Lehrererstausbildung und -fortbildung genutzt werden und Hilfestellung dabei leisten, daß weite Kreise der Bildungsgemeinschaft, die IKT einsetzen, leichten Zugang zu hochwertigen Lehr- und Forschungsmitteln erhalten; - auf europäischer Ebene gegebenenfalls die Zusammenarbeit zwischen Mitgliedstaaten, Institutionen und im Bildungsbereich tätigen Verlegern bei der Produktion von multimedialen Lernprogrammen zu fördern, in denen die sprachliche und kulturelle Vielfalt Europas in angemessener Weise zum Ausdruck gebracht werden kann.
Zu diesem Zweck sollte sie die maßgeblichen Fakten und Zahlen in bezug auf den bestehenden und entstehenden europäischen Markt für multimediale Lernprogramme und entsprechende Dienste vorlegen; - den Rat spätestens am 31. Dezember 1998 über die Ergebnisse der oben erwähnten Tätigkeiten zu berichten, damit dieser eine Gesamtbewertung vornehmen kann.